Berufung zur Nachfolge Jesu

Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist, um Weg, Wahrheit und Leben für alle Menschen zu sein, der allen Menschen seine Gnade schenkt, alle ruft und an sich zieht, lässt alle seine liebevolle Einladung hören: »Komm und folge mir nach!« (Mk 10,21)

Diese Aufforderungen des Herrn sind verschieden und vielfältig. Sie wirken direkt und indirekt auf unsere spirituellen Fähigkeiten, auf Verstand und Willen. Sie erleuchten unseren Verstand, stärken unseren Willen und erzeugen damit gute Wünsche und übernatürliche Akte. Gott der reich ist an Erbarmen und der freiwillig, seine Gaben verteilt, lässt bisweilen einige Seelen »einen besonderen Ruf« hören. Er lädt sie ein, in einer geistlicher Berufung Jesus intensiver nachzufolgen mit der praktischen Ausübung der evangelischen Räte. Aber alle Berufungen, sowohl die gewöhnlichen, als auch die anderen, haben als Zweck die Ausübung der heiligen Tugenden und das Erreichen der Heiligkeit und Vollkommenheit: »Denn in Ihm hat Er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott« (Eph 1,4).

»Gelobt die Seelen, die die Berufung des Herrn hören und aus seinem Mund Worte der Heiligkeit hören!
Gelobt die Ohren, die geschlossen für Geräusche der Welt sind, die das Rauschen des Göttlichen empfangen!
Gelobt die Augen, die weltliche Dinge verachten und die ausgerichtet sind auf das Himmlische! Gelobt sind die, die von dem brennenden Wunsch erfüllt sind, einzig und allein dem Herrn zu dienen und jeden Ballast abschütteln. Sie werden Frieden, Heilung und wahre Seligkeit finden!« (Nachfolge Christi, III,1)

Außer dem natürlichen Leben, das sich äußerlich mit der Ausübung der eigenen Sinne und innerlich mit der Ausübung des Geistes äußert, gibt es ein übernatürliches Leben, welches aus der heiligmachenden Gnade besteht (vgl. 2 Petr 1,4) und an der göttlichen Natur Anteil schenkt (vgl. Röm 8,16 -17), dass wir Kinder Gottes sind und auch Erben des Paradieses. Dieses übernatürliche Leben hat seine eigenen Handlungen, die hauptsächlich aus der gegenwärtigen Gnade herrühren, d. h. aus allen Hilfen, die Gott uns gibt, der will, dass alle Menschen gerettet werden (vgl. 1 Tim 11,4); der keinen Augenblick aufhört, Mitleid mit uns zu haben, indem er unsern Verstand erleuchtet, unsern Willen stärkt gegen die Einsprechungen des Bösen. Es ist nämlich Gott, sagt der Apostel, der mit seiner Gnade in uns das Wollen und das Vollbringen bewirkt (vgl. Phil 2,13). Die hauptsächliche Wichtigkeit für das Leben im Geist und für die Heiligkeit haben daher die Erleuchtungen, Eingebungen und guten Wünsche, die die Gnade in uns wirkt.

Aussagen des hl. Paul vom Kreuz über Berufung:

»Wir sollen sehr auf die guten Wünsche achten, weil sie ein Geschenk des himmlischen Bräutigams sind.«

»Das höchste Verlangen ist es, Gott zu lieben nach dem eigenen Stand.«

»Alle Erleuchtungen, die keinen großen Raum für Demut, Erkenntnis seiner Selbst und den größeren Wunsch, dem Herrn zu gefallen, haben sollte man mit Misstrauen betrachten.«

»Es ist ein Grundsatz der Heiligen, sich niemals auf die eigenen Erleuchtungen zu verlassen, weil viele aus der eigenen natürlichen Zuneigung und sehr viele auch vom Teufel stammen.«

»Sprecht über eure inneren Empfindungen mit dem Beichtvater und verbergt nichts, wenn ihr nicht vom Teufel hintergangen werden wollt.«

 

Berufung zum Priester und zum Ordensleben

Im Evangelium stellt ein Mann Jesus die Frage, was er tun solle, um das ewige Leben zu gewinnen. Jesus empfiehlt ihm die Gebote Gottes zu halten. Aber der Mann will mehr. Da heißt es: »Da sah ihn Jesus an, umarmte ihn und sagte: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!« Die geistliche Berufung entspringt also dem liebenden Blick Jesu und seiner Umarmung.

Aussagen des hl. Paul vom Kreuz über die Berufung zum Priester- und Ordensleben:

»Die Gnade der geistlichen Berufung ist eine der größten Gnaden, die ihre göttliche Majestät den Seelen zukommen lässt, gleich nach der Gnade der Taufe.«

»In der Berufung werdet ihr den Frieden finden, den euch die Welt niemals geben kann.«

»Wenn Gott ruft, muss man gehorchen. Falls man sich taub stellt, wird man von Gott verstoßen …Prüfe eingehend in deinen Gebeten deine Berufung. Suche Rat bei einem weisen und heiligmäßigen Seelenführer, damit du den inneren Regungen der Gnade entsprichst.«

»Um dankbar zu sein für die Gnaden der Berufung, muss man sich ein hohes Ziel setzen. Man muss ein prachtvolles Gebäude der Vollkommenheit bauen wollen, auf dem tiefen Fundament der Demut und Erkenntnis des eigenen schrecklichen Nichts; nichts haben, nichts können, nichts wissen! Diese Erkenntnis muss mit einer ganz strengen Loslösung von allem Geschaffenen begleitet sein.«

»Der Ordensstand ist ein Kreuz, und wer ihn in Vollkommenheit leben will, muss gekreuzigt sein.«